Text: Susanne Greinke
Kuratorin





Regina Weiss sieht sich als politische Künstlerin, auch wenn sie den Begriff “Politik” mit seinen verschiedenen Ausdeutungsmöglichkeiten als schwammig bezeichnet. Die Politik mit ihren komplexen Zusammenhängen
schließt das Beschäftigen mit Geschichte ein. Hier setzt Regina Weiss an. Als geschichtsbewusste Künstlerin
begreift sie historische Vorgänge jedoch nicht als abstrakte Faktensammlung, sondern als Substrat individuell
erlebter Vergangenheit. Hier folgt sie einer Tendenz, die durchaus in den Geschichtswissenschaften selbst
zunehmend wirksam geworden ist.



Weiss` Thema ist die Identität des Einzelnen und dessen Selbstdefinition im Bezug zur Gesellschaft. Eine
Möglichkeit, sich dem künstlerisch anzunähern, Identität gleichsam zu verbildlichen, ist die Nachahmung von
Gesten und entsprechenden Bekleidungscodes, welche der äußerlichen Bestimmung der
Gruppenzugehörigkeit dienen, dem Einzelnen aber als frei gewählter Ausdruck seiner Individualität
erscheinen.



In der Arbeit >>Bewegung<< (2005/06) wird die Antiatom- und Friedensbewegung der 80er Jahre in der
Bundesrepublik Deutschland sowie die oppositionelle Bewegung der ehemaligen DDR zum Untersuchungsfeld.
Weiss agiert hier mit den Mitteln der sozialen Forschung, einer künstlerischen Crossover-Strategie. Sie
bearbeitet ihr Material dann weiter, indem sie nach der Recherche von historischen Zeitungsartikeln und
anderen Quellen typische Körperhaltungen und Gesten von Statisten nachstellen lässt und in einem Video
dokumentiert. Weiss sucht hier die Beziehungen von äußerer und innerer Haltung zu ergründen. Aus den im
Video entwickelten Posen entstehen schließlich inszenierte Fotografien. Vor einem neutralen weißen
Hintergrund, mit übergroßen Accessoires ausgestattet, wirken die Statisten sich selbst entfremdet und
befremdlich. Herausgelöst aus Zeit und Ort, werden sie zu tragikomischen Versatzstücken und Verweisen.





Erschienen in: Kultur Invest Dresden
Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2006
ISBN-10:3-939738-03-4